Maria Victoria

  1. Für Carmen
  2. Wie man eine Waffe hält
  3. Komplizen schwerer Herzen

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„Bevor ich begonnen habe, Literaturwissenschaft zu studieren, reichte mir auch der Bibliotheksausweis.“ Sagt Maria Odoevskaya a. k.a. Maria Victoria. Und dass Filme und Musik vermutlich mehr Einfluss auf sie gehabt haben als Bücher. Bands wie Messer, Die Nerven, Swans, der deutsche Rapper Prezident, Leonard Cohen. Filme von Ingmar Bergman, Billy Wilder. Aber natürlich doch/auch Leute der Schrift, die Dramatiker Sarah Kane und Georg Büchner etwa, oder Slam-Kolleginnen wie Franziska Holzheimer und Anke Fuchs. Romy Schneider, sowieso.


Erste eigene Text der erst 14-jährigen Maria waren reflektive Texte über Musik, dunkle Gitarren- und Metal-Klänge, „... auf der Suche nach Worten, die meine Ideen am genauesten beschreiben.“ Um sich schließlich in Kurzgeschichten zu lösen. Erste autonome, fiktionale Texte kamen 2010, über zwei Menschen im Zug und einen Mann, der im Fahrstuhl steht und schweigt.


Der Post-UdSSR entreisen konnten Mutter und Tochter 2002 über ein Hilfsprogramm für jüdische Emigranten aus den GUS-Staaten. In wenigen Monaten lernte Erstklässlerin Maria Deutsch; der Zugang zur neuen Sprache, sagt sie, „... hat mich zum Schreiben und zum Interesse für Literatur gebracht. ( … ) Eher ein Vorteil, den ich gegenüber Muttersprachlern habe."

Dass die Bühnenpersönlichkeit Odoevskaya a. k.a. Victoria sich daraus entwickeln und auf den Slam-Sattel springen konnte, wirkt dennoch überraschend in der Rückschau und ist nicht zuletzt einem gedeihlichen Moment der Unkenntnis zu verdanken. Maria: „Ich hatte sehr, sehr lange in meinem Leben einen regelrechten Horror davor, auf einer Bühne zu stehen, irgendwie angeschaut und beurteilt zu werden und schutzlos ausgeliefert zu sein. Und dann kam einfach der Tag: Man hat mir 'n Tipp gegeben, dass hier 'ne Schreibgruppe wäre und danach auch eine U-20-Slamgruppe stattfinden würde. Und ich hatte keine Ahnung, was Slam überhaupt ist!"

Was sie dort und seither tut, ist deutlich anders als das meiste Andere. Zum einen ist das Komische keine offenbare Stärke ihrer Arbeit. „Das ist eine Grenze, die ich eigentlich nicht überwinden kann“, erklärt Maria. „Ich komme mir albern dabei vor, mich selbst lustig zu finden."

Eh geht es um Solches nicht. Ihren Figuren geht es häufig ausgesprochen schlecht, sie rebellieren gegen soziales Diktat, begehren mit manchmal selbstzerstörerischer Konsequenz gegen Angst und Einsamkeit, das Dunkle, Schwere, Abgründige in und an sich auf, atmen Vakuum, halten schweigend durch, zeigen sich her, packen hin und zu. Wir. Alle. In uns. Sind da. Drin. Baby.

Eine posierende Priesterin oberflächlicher Düsternis ist die '94 in Moskau geborene Lübeckerin dennoch nicht. Das Unerwartete im Wohlvertrauten, anderes Licht, ungewohnte Perspektive, Verantwortung, Sorgfalt und Vokabular extraordinaire können diametrale Erfahrungen auslösen, wo man sie nicht erwartet. Und gut so. Eine Geschichte etwa wie die über einen desaströsen Discobesuch, der sich bald und schließlich als Stück über Geschlechterrollen, Sprachlosigkeit und sozialen Druck herausstellt, profitiert in ihrer Intensität von so einer Ahnungsfreiheit. Subtext pocht. Weil Humor ist, wenn man trotzdem lacht. Un peu. Aber nicht muss. 

Raum & Zeit

  • Buchhandlung maKULaTUR
  • Lübeck, 27. August 2015

Credits

  • Text: Rolf Jäger
  • Kamera/Schnitt: Patrick Schwedler
  • Kamera: Thomas Nicolaisen
  • Ton: Peter Raffaelli
  • Standbild: Christoffer Greiß